Einige der schönsten Siege im Schach entstehen aus einem einzigen Moment der Geduld. Dein Gegner schlägt etwas, alle erwarten, dass du zurückschlägst, und stattdessen spielst du zuerst einen anderen Zug: ein Schach, eine Drohung, ein Schlagen an anderer Stelle. Erst wenn dein Gegner darauf reagiert hat, holst du dir, was dir zusteht. Dieser überraschende Zug heißt Zwischenzug, international auch Intermezzo. Das deutsche Wort hat es übrigens bis ins Englische geschafft: Auch dort sagt man „Zwischenzug“.
Der Zwischenzug funktioniert, weil die meisten Abtausche als feste Abfolge berechnet werden: Ich schlage, du schlägst zurück, ich schlage wieder. Ein Zwischenzug wirft dieses Drehbuch über den Haufen. Er streicht das Zurückschlagen nicht, er verschiebt es nur, bis das Brett besser für dich aussieht.
Was einen Zug zum Zwischenzug macht
Ein Zwischenzug braucht zwei Dinge. Erstens muss er so zwingend sein, dass dein Gegner ihn nicht ignorieren kann. Schachgebote sind die klassische Wahl, aber auch ein Angriff auf die Dame, eine Mattdrohung oder das Schlagen einer wertvollen Figur können denselben Zweck erfüllen. Zweitens muss das ursprüngliche Zurückschlagen danach immer noch möglich sein. Wenn dein Ziel in der Zwischenzeit fliehen oder gedeckt werden kann, hast du einfach Material verschenkt.
Wenn beide Bedingungen erfüllt sind, bekommst du einen Gratiszug. Dein Gegner braucht seinen Zug, um auf deine Drohung zu antworten, und du nutzt deinen, um deine Stellung zu verbessern, bevor du zurückschlägst.
Ein kurzes Beispiel
Stell dir eine typische Mittelspielstellung vor. Dein Gegner schlägt mit seinem Läufer einen deiner Springer, und die natürliche Antwort ist, mit einem Bauern zurückzuschlagen. Bevor du das tust, schaust du dich kurz um und bemerkst, dass deine Dame Schach bieten kann und dabei gleichzeitig einen ungedeckten Turm auf der anderen Seite des Bretts angreift.
Also bietest du Schach. Dein Gegner muss darauf reagieren und kann den Turm nicht gleichzeitig retten. Du schnappst dir den Turm, und sein Läufer steht immer noch auf dem alten Feld deines Springers und wartet darauf, im nächsten Zug geschlagen zu werden. Aus einem einfachen Abtausch ist der Gewinn eines ganzen Turms geworden.
Dieselbe Idee funktioniert auch in der Verteidigung. Wenn dein Gegner einen Abtausch beginnt, um deinen König ins Freie zu locken, kann ein eigenes Schach im richtigen Moment seinen König zuerst auf ein schlechteres Feld zwingen, und die ganze Kombination fällt in sich zusammen.
Woran du einen versteckten Zwischenzug erkennst
- Dein Gegner hat gerade geschlagen, und dein „automatisches“ Zurückschlagen ist auch im nächsten Zug noch möglich.
- Du hast ein Schach zur Verfügung, besonders eines, das gleichzeitig ein zweites Ziel angreift.
- Eine gegnerische Figur ist ungedeckt oder der gegnerische König steht offen.
- Die Figur, die geschlagen hat, kann nicht leicht entkommen, zum Beispiel weil sie gefesselt oder eingekreist ist.
- Der letzte Zug deines Gegners hat eine Drohung aufgestellt, auf die du mit einer noch größeren eigenen Drohung antworten kannst.
Wo Spieler danebengreifen
Der häufigste Fehler ist, außer dem Zurückschlagen überhaupt nichts in Betracht zu ziehen. Das ist ein Reflex, und genau solche Reflexe nutzt ein Zwischenzug aus.
Der umgekehrte Fehler ist genauso teuer: ein spektakuläres Schach, das nichts bringt. Wenn dein Zwischenzug es deinem Gegner erlaubt, seine Figur zu decken, sie wegzuziehen oder mit Tempo zurückzuschlagen, hast du Zeit verschwendet und oft genau die Figur verloren, die du zurückgewinnen wolltest. Prüfe immer, ob das Zurückschlagen deinen Umweg übersteht.
Achte auch auf Zwischenzüge gegen dich. Wenn du einen Abtausch einleitest, frag dich, ob dein Gegner vor dem Zurückschlagen ein Schach einschieben kann.
Drei Gewohnheiten, die sich lohnen
- Nimm dir vor jedem Zurückschlagen zwei Sekunden Zeit und frag dich: „Habe ich zuerst ein Schach oder eine größere Drohung?“
- Wenn du einen Abtausch berechnest, liste bei jedem Schritt alle zwingenden Züge beider Seiten auf, nicht nur die Schlagzüge.
- Wenn du einen Zwischenzug gefunden hast, spiel die Variante bis zum Ende durch und stell sicher, dass das ursprüngliche Zurückschlagen am Ende noch möglich ist.
Diese Gewohnheiten fühlen sich anfangs langsam an. Mit etwas Übung werden sie so selbstverständlich wie das Zurückschlagen selbst, und du siehst plötzlich Züge, von denen deine Gegner gar nicht wussten, dass es sie gibt.










